[Rezension] Archangel

Zeitreisen beschäftigen viele Autoren, grade in diesen Tagen. Die Frage nach dem Was-wäre-wenn? zieht sich durch einige Romane und Comics.  Auch William Gibson, Vater des Cyberspace, Michael St. John Smith und Butch Guice greifen dieses Thema in dem Werk Archangel auf.

Es sieht nicht gut aus in dieser alternativen Zukunft. Ein diktatorischer Präsident und sein ebenso fanatischer Sohn herrschen über Amerika und im Grunde die ganze Welt. Einige Zeit bevor unsere Handlung einsetzt, jagten sie aus Rache für einen Terroristischen Anschlag die Atombomben hoch, die unter jeder großen Stadt der Satellitenstaaten vergraben lagen und stürzten die Welt in ein atomares Chaos. 

Man merkt, die Weltordnung in jenem Jahr 2016 ist eine etwas andere, als wir sie kennen. Ebenfalls unterscheidet sie sich von unserer durch ihre wissenschaftlichen Entdeckungen. Den Physiker gelingt es, sogenannte Splitter zu erschaffen: Kopien der Welt, in die auch Personen und Gegenstände teleportiert werden können. Das wichtigste daran, sie können auch in die Vergangenheit dieser Welt gebracht werden und trotzdem noch Kontakt mit der dystopischen Gegenwart halten. Das ganze verschlingt nur Unmengen an Energie. 

Gleich zu Beginn lernen wir den Antagonisten Henderson jr. kennen, den Sohn des amtierenden amerikanischen Präsidenten. Er wurde einer OP unterzogen um wie sein Großvater auszusehen, damit er mühelos dessen Platz einnehmen könne. Sogleich reist er auch in das Jahr 1945 der Splitterwelt. dort möchte er den Lauf der Geschichte zu den Gunsten des despotischen Vater-Sohn-Gespannes verändern und damit eine weniger lebensfeindliche Welt unter ihrer Herrschaft zu erschaffen. 

Sich ihm in den Weg stellen sich ausgerechnet zwei Frauen, die kämpferische Technikerin Torres, die aus der Gegenwart eine Gruppe Wiederständler hinterher schickt, und die neugierige britische Offizierin Nomi Givens im Berlin des Jahres 1945. Letztere hat einen Sinn für seltsame Vorkommnisse und wittert direkt eine Bestätigung für ihre Theorien, als sie von dem Piloten eines seltsamen, abgestürzten Flugzeuges hört. Die Geheimdienste der anderen Alliierten hegen ebenfalls Interesse an diesem Mann, während Henderson jr. versucht, sowohl den Piloten zu beseitigen, als auch sein Projekt „Archangel“ in Gang zu setzten. Eine spannende Jagd quer durch Berlin nimmt ihren Anfang. 

Archangel gehört zu den Geschichten, die man mindestens zwei mal lesen muss, um sie wirklich realisieren zu können und selbst danach sind manche Dinge mit Logik nicht einfach zu erklären. Dennoch lebt sie auch von diesen versteckten Hinweisen und Andeutungen, die zwischen den rasanten Actionszenen versteckt sind. Ein wenig mehr Umfang hätte der Geschichte meiner Meinung nach dennoch gut getan, die ein oder andere zusätzliche Erklärung wäre sinnvoll gewesen. Die Charaktere kommen etwas eindimensional daher, auch wenn mit der Zeit der ein oder andere Grund für Handlungen zu Tage tritt.  

Die in Amerika als fünfteilige Miniserie erschienene Geschichte ist im Deutschen bei CrossCult als Sammelband erschienen. Die Ausgabe hat ein etwas handlicheres Format, ist gewohnt vollfarbig und gut verarbeitet. Farblich zeigt sich uns diese Welt in gedeckten, grauen Tönen, die den Flair eines Krimi-Noir-Filmes haben. Hier und da bemerkt man, dass verschiedene Zeichner an der Episoden saßen, aber im Großen und Ganzen ergibt sich ein harmonisches Gesamtbild. 

William Gibson ist kein Unbekannter und ehrlich gesagt war es vor allem dieser Name, der mich zu der Graphic Novel greifen lies. Wenn der Erfinder des Cyberpunks, der Vater der dreckigen SciFi, eine dystopische Zeitreisegeschichte erfindet, dann kann das doch nicht wirklich schlecht werden? 
Beim Lesen war ich im ersten Moment ein wenig enttäuscht, ich hatte Schwierigkeiten mit dem Zugang zu dieser Welt. Die Geschichte erschien mit gleichzeitig zu komplex für den geringen Umfang, andererseits zu alltäglich für diesen Autoren. Erst beim weiteren Nachdenken verstand ich einige Zusammenhänge und versöhnte mich etwas mit dem Werk. 

Am Ende bleibt eine Geschichte mit viel Potential und interessanten Ansätzen, die aber durchaus ihre Schwächen hat. Und die stete Frage, ob sie Ereignisse und Wirkungen überhaupt verändern lassen. 


Archangel
Aus dem Englischen von Michael Schuster und Falko Kurz
Erschienen am 14. September 2017
128 Seiten, Hardcover
Preis 22 €
ISBN 978-3-95981-414-0

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Über den Autoren
William Gibson wurde 1948 in den USA geboren und lebt heute in Kanada. 1984 erscheint sein erster, genreprägender Roman Neuromancer und legt den Grundstein für eine Karriere als Autor.

Über den Zeichner

Geboren 1961 und ebenfalls Amerikaner. Guice schrieb in der Vergangenheit für die drei größten amerikanischen Comicverlage eine große Anzahl an Geschichten. 

 

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